Die Männer bleiben
zu Hause

35 Frauen aus ganz Deutschland nehmen an Triathlon-Trainingslager im Westallgäu teil
Von Christian Schreiber

Frauen ziehen ja schon im Allgemeinen die Blicke und die Aufmerksamkeit der Männer auf sich. Für sportliche Frauen, die in großen Gruppen auf ihren Rennrädern Hunderte von Kilometern durchs Westallgäu touren, gilt das aber ganz im Speziellen. Auf verdutzte Autofahrer, überraschte Rentner und Bauarbeiter, die hinterherpfeifen, sind die 35 Triathletinnen aus ganz Deutschland bei ihrem einwöchigen "Trainigslager" gestoßen.

"Die Leute waren immer ganz erstaunt, wenn wir aufgetaucht sind", erzählt Teilnehmerin Heike Popp. An die neckischen Pfiffe, die eine Handvoll Bauarbeiter ihrer Gruppe hinterhergeschickt hat, erinnert sich die 43-Jährige genauso gern, wie an den Rentner im Eiscafe: Die 35 Rennräder waren bei der kurzen Trainingspause in Reih und Glied aufgestellt. "Der Rentner dachte doch glatt, dass sind die Räder einer Männer-Gruppe. Der war ganz schön verdattert, als er gemerkt hat, dass sind ja alles Frauen" (Popp). Sofort kam die Frage: "Wo habt ihr denn eure Männer gelassen"" – Zuhause, in Frankfurt, Berlin oder Göttingen.
"Mich haben viele Frauen angesprochen, die im Training mit den Männern hinterhergefahren sind", sagt Monika Birk (42). Deshalb sei ihr die Idee gekommen, das Trainingslager für die Breitensportler auf die Beine zu stellen. "Das Training ist sehr ausgewogen. Niemand ist überfordert oder unterfordert", hat Teilnehmerin Sigrid Schwarzer (39) festgestellt. Die Frauen ziehen in drei Gruppen durchs Westallgäu, sind nach ihrer Leistungsfähigkeit eingeteilt. Birk: "So hat jeder auch Zeit, die traumhaften Berge, die Wiesen und die Almen zu genießen." "Ich könnte ja auch an die Nordsee fahren. Das wäre nicht so weit. Aber da ist es nicht so schön wie hier", schwärmt Schwarzer, die in der Nähe von Göttingen wohnt.
Bei Sonnenschein und strahlend blauem Himmel sitzt ein Teil der Frauen nun in der Sportalm in Scheidegg, wo sie Quartier bezogen haben, und erholen sich von den Strapazen. Erholen" Strapazen" Auch nach 108 Kilometer auf dem Rad lehnt Popp entspannt im Stuhl. "Die Strecken", so Popp, "sind zwar nicht locker, aber wir sind locker gefahren."
Der Trainingsplan ist vollgestopft. Jeden Morgen steht Schwimmen im Lindenberger Hallenbad auf dem Programm. Nachmittags wechseln die Frauen von den Laufschuhen in den Fahrradsattel. Kneippen, Massagen, Tennis und Sauna bilden das Erholungsprogramm. Abends hängen die Frauen im Klettergarten oder hören Vorträge zu den Themen Sport und Ernährung.
Wichtig ist auch das Abendessen. Im ersten Jahr – das Trainingslager geht zum dritten Mal in Scheidegg über die Bühne – sei der Koch aus der Küche gestürmt, "weil er die Frauen sehen wollte, die soviel essen" (Popp). Wer viel trainiert, kann sich auch den Bauch vollschlagen, lautet das Credo der Frauen, die zwischen 20 und 55 Jahren alt sind. Manche von ihnen haben schon Kinder "und schenken sich diese Woche zum Muttertag quasi selbst", sagt Markus Weber vom Leistungs- und Diagnostikzentrum in Scheidegg, der die Trainingspläne entwickelt hat. Schwarzer: "Ich nutze die Gelegenheit, um wieder in den Triathlonsport einzusteigen."
Birk dagegen ist wahrlich keine Einsteigerin. Die 42-Jährige ist Referentin für Leistungssport bei der Deutschen Triathlon Union. Auf Hawaii hat sie schon viermal den "Ironman" bestritten. Beim Triathlon in Roth ist sie in zehneinhalb Stunden unter die Top-Ten gelaufen. Mit Wehmut blickt sie auf den Abschied am heutigen Samstag. So geht es auch Popp: "Traurig, dass es schon wieder heim geht. Aber ich komme nächstes Jahr wieder."